Berlin – Malmö 2026
Unheimliche Begegnungen der seglerischen Art!
Heute sind wir los, nach tagelanger Vorbereitung. Es bleibt bis zur letzten Minute spannend, ob wir überhaupt losfahren können. Der Mastfuß ist neu, das ganze Rigg ist neu, die Mastelektrik ist ein Provisorium, und wir hatten bis kurz vor Abfahrt keine Gelegenheit, zu prüfen, ob alles passt. Außerdem hat sich unsere Sprayhood aus Altersgründen am Anfang der Saison verabschiedet. Anfang der Woche wird der Mast probeweise gestellt, und… es passt alles! Da muss er nur noch wieder gelegt und gesichert werden. Danach wird gebunkert, alles wird verstaut, und wir können los.
Ganz schön aufregend, das ganze!

Also erstmal zweieinhalb Tage Kanalfahrt Richtung Stettin. Alles soweit unauffällig. Im Stettiner Stadthafen legen wir an. Es ist ein Sonntagnachmittag, und da ist die Hölle los. Touristenmassen strömen zum direkt am Hafen gelegenen Rummelplatz, es düsen Dutzende von Jetskifahrer herum wie die Verrückten. Außerdem noch Ausflugsdampfer, Fähren, Sonntagsfahrer. Ein reines Gewusel. Und ein ziemlicher Graus für ein Boot mit gelegtem Mast.
Ich bringe Jenka zum Busbahnhof. Unser Plan sieht so aus: Sie fährt nach Berlin zurück, um die Woche weiterzuarbeiten. Ich stelle den Mast und hole unsere Tochter Lovina morgen vom Busbahnhof ab, um mit ihr eine Woche Richtung Stralsund zu segeln. Danach wird wieder getauscht, und Jenka und ich gucken, wie weit wir in den verbleibenden 3 Wochen Richtung Norden kommen. Vielleicht nach Malmö? We will see…
Am Abend fahre ich dann alleine rüber zum Akademischen Segelverein am Dammschen See, unserem Stettiner “Heimathafen”. Morgen früh um 10 wird der Mast gestellt. Ich bin aber etwas aufgeregt, denn es ist das erste Mal, dass ich in Polen alleine den Mast stelle.
Ich spreche mit meinen Bootsnachbarn. Holm, der freundliche Skipper von der “Equity”, sagt zu, mir beim Maststellen zu helfen.
Und gegenüber baut ein junges Pärchen an einer Selbststeueranlage für ihr Boot, die “Kolibri”. Skipperin Anna erklärt mir das Unterfangen, die Herkunft des Schiffes, ihr Vorhaben (Richtung Holbaek in Dänemark zu segeln), während ihr Freund Nils sich mit den Widrigkeiten der Installation auseinandersetzt und erstaunlicherweise die Nummer der einzelnen Schrauben auswendig lernt! Wir verstehen uns gut, aber ich merke, dass ich sie von der Arbeit abhalte, und widme mich stattdessen dem Abendessen…
Der Mast steht! Das erste Mal Maststellen ohne Jenka. Das Auftakeln dauert ein bisschen länger als zu zweit, aber ansonsten alles gut. So, jetzt erstmal ein Käffchen, dann geht’s weiter!
Ich fahre wieder zurück in den Stadthafen und hole Lovina vom Busbahnhof ab. Sie staunt natürlich nicht schlecht, den Rummel direkt neben dem Liegeplatz zu sehen, und v.a. zu hören. Was für ein Krach! Kreischende Teenies schreien sich die Seele aus dem Leib auf den „Unterhaltungsgeräten“ des Rummelplatzes. Und dazu noch ein alles durchdringender Technobeat. Aber um 22:00 Uhr ist Schluss. Ich freue mich aber sehr, Lovina an Bord zu haben. Es ist bestimmt 10 Jahre her, dass wir eine längere Strecke zusammen gesegelt sind.
Am nächsten Tag segeln wir erstmal über den Dammschen See Richtung Ziegenort. Wir haben es nicht eilig, und kreuzen bei einer NW 2-3 gemütlich Richtung Norden. Auf der Oder angekommen sind etliche Tanker unterwegs, aber auch ein paar Seeadler. Vor ersteren müssen wir mehrmals ausweichen. Höhe Ziegenort stellen wir fest, der Wind hat aufgefrischt, und wir könnten ordentlich Strecke machen, wenn wir wollten. Da beschließen wir spontan, die 20 zusätzlichen Seemeilen nach Ueckermünde zu fahren. Und das bei ordentlich Seegang und Schräglage. Lovina fährt aber so gut dass ich mir keine Sorgen machen muss, und mir zwischendurch sogar ein Nickerchen gönnen kann.
In Ueckermünde kommen wir erst kurz vor Sonnenuntergang an, und sind dann doch beide ziemlich fix und fertig.
Von Ueckermünde fahren wir durch den Peenestrom Richtung Krummin, und von dort dann weiter nach Rügen. Vor der Klappbrücke in Wolgast ist das übliche Gewusel: Viele Boote, die auf die Öffnung warten, darunter lustigerweise die Kolibri mit Skipperin Anna. Wir winken uns zu und tauschen ein bisschen Smalltalk aus über dem Knattern der Dieselmotoren, bis die Doppelampel auf Grün schaltet und wir durch die schmale Öffnung hindurch dürfen.
Von Wolgast geht es bei 3 bis 4 Windstärken über den Greifswalder Bodden weiter nach Lauterbach. Lovina tobt sich aus an der Pinne und ich erkläre ihr den Wechsel in der Tonnenführung in der Knaakrücken-Rinne (backbords grün auf backbords rot) und die Kardinaltonnen Böttchergrund-O und Landtief-W. Höhe Insel Vilm übernehme ich, und gegen halb sieben legen wir in Lauterbach an. Ein wirklich wunderschöner Segeltag und am Abend gibt‘s einen tollen Sonnenuntergang frei Haus.
Am nächsten Tag ist es drückend heiß und windstill. Wir fahren mit dem Motor durch den Strelasund, verfolgt von schwarzen Gewitterwolken. Die Marina Stralsund ist gerammelt voll, wir kriegen gerade noch einen Päckchenplatz ganz hinten an der Mole, bevor es anfängt, wie aus Kübeln zu schütten. Und in 2 Stunden kommt Jenka mit dem Zug an!
Ich freue mich sehr, sie zu sehen. Aber was fangen wir mit einem verregneten Nachmittag in Stralsund an? Vielleicht was Touristisches, etwas, was wir noch nie gemacht haben?
Und so kommt es, dass wir endlich die Nikolaikirche von innen zu sehen bekommen. Eigentlich unglaublich – So oft in Stralsund gewesen, aber bisher noch nie in der Nikolaikirche. Und ich muss sagen, es lohnt sich wirklich! Die Kirche ist sehr liebevoll restauriert worden, und selbst für einen Heiden wie mich gibt es viel zum Gucken und Staunen!

Heute früh haben wir uns von Lovina verabschiedet und sind trotz schlechtem Wetterbericht nach Hiddensee gefahren. Der schlimme Wind ist ausgeblieben und in Vitte kommen wir in einem schon überfüllten Hafen an. Erfreulicherweise sehen wir gleich ein paar bekannte Boote – die Equity und die Kolibri. Die Kolibri-Leute machen uns auf den letzten freien Platz aufmerksam, und der Holm von der Equity weist uns ein und nimmt uns die Leinen ab. Scheinbar haben wir unser kleines bewegliches Dorf mitgebracht, wie schön!
Auf Hiddensee ankommen fühlt sich eh immer an wie ein Nachhausekommen.
Auch bei so viel Altbekanntem können wir uns nicht sattsehen. Wir wollen zwar weiter, aber das Wetter ist nicht so prickelnd. Wir gönnen uns kurzerhand einen Hafentag und wandern zum Leuchtturm am Dornbusch. Vom Turmgeländer aus haben wir klare Sicht nordwestlich über die Kadettrinne bis zu den Kreidefelsen von Klintholm. Da wollen wir morgen hin!
Auf direktem Weg von Vitte nach Klintholm sind es ca. 38 Seemeilen. Allerdings steht der Wind erstmal auf NW bis ca. 16:00 Uhr, und soll dann später auf N-NE umschwenken. Höhe Ansteuerungstonne Hiddensee mache ich eine schnelle Kursberechnung. Die größeren Yachten, die nach Dänemark wollen, fahren erstmal parallel zur Küste vor Zingst. Das erhöht zwar die Gesamtroute um ca. 10-12 Seemeilen, aber bei 6 oder 7 Knoten Fahrt ist das zu vernachlässigen. Wir hingegen schaffen zwischen 4 und 5 Knoten. Also statt knapp 10 Stunden Fahrt eher 12 bis 13! Wir besprechen schnell die Lage, entscheiden uns kurzerhand, ein paar Stunden mit dem Motor gegenan zu fahren, um dann den Nordostwind später mitzunehmen. Nicht meine Lieblingsvariante, aber vielleicht etwas schonender für die Crew!
Die Entscheidung haben wir nicht bereut. Vor den Felsen von Møns Klint sehen wir die größeren Schiffe noch südwestlich im Anmarsch. Und auf den kleinen Hafen von Klintholm gibt’s einen regelrechten Ansturm. Vorne liegen die großen Boote zu sechst im Päckchen, und wir haben eigentlich keine Hoffnung, einen Platz zu bekommen. Aber hinten, an den besten (kleinen) Sonnenplätzen, ist dann doch alles frei und wir bekommen einen tollen Liegeplatz mit einem wunderschönen Sonnenuntergang.
Abends gehen wir im Hafen ein bisschen spazieren und treffen – wie soll es anders sein – auf unsere neusten Segelbuddies Anna und Nils. Wir lachen über den erneuten Zufall und plaudern ein wenig, gehen dann getrennte Wege. Eine Stunde später treffen wir uns wieder, und dann nochmal. Langsam wird’s ein bisschen unheimlich! Ich mache einen Vorschlag: Wenn wir schon so eine telepathische Verbindung haben, dann wollen wir uns mal richtig kennenlernen. Wir verbringen den Abend auf der Kolibri und freuen uns über die vertraute Gesellschaft im fremden Hafen.
Am nächsten Tag ist es bei 6 Windstärken und Regen nicht schwer, sich für einen Hafentag zu entscheiden. Wir machen es uns gemütlich, spielen Musik auf unseren mitgebrachten Instrumenten, gehen am Strand spazieren und laden die Kolibri-Crew zum Kaffee und Kuchen auf der Ölle ein. Sie haben auch rein zufällig eine Gitarre mitgebracht, und so entsteht bis in den Abendstunden eine kleine open-air Hafen-Session – herrlich!

Nach dem Aufenthalt in Klintholm segeln wir an den Kreidefelsen von Møns Klint vorbei, ein wirklich sehr schöner Anblick, und kommen am späten Nachmittag in Rødvig an. Die Marina ist voll, aber wir finden für unsere kleine Albin Vega trotzdem einen Platz im Fischereihafen.
Tags darauf wollen wir nach Malmö in Schweden rübersetzen. Es ist eine viel befahrene Strecke, mit dem TSS Off Falsterborev mittendrin – ein ausgedehntes Verkehrstrennungsgebiet mit „Kreisverkehr“ südwestlich von der Halbinsel Falsterbo. Daran fahren wir natürlich westlich vorbei, treffen aber spätestens kurz vor der Brücke auf den ganzen Tankerverkehr. Der Himmel ist grau von Horizont zu Horizont, der Wind eine ruppige 4-5, und in der Enge zwischen Malmö und Kopenhagen baut sich eine unangenehme Welle auf. Insofern alles ziemlich aufregend!
Als wir durch die Brücke fahren, mit ihrer 55 Meter Durchfahrtshöhe(!), gehe ich aufs Vorschiff, um ein paar Fotos zu schiessen. Es ist schon imponierend, dieses mächtige Bauwerk mitten im Nichts. Und backbords neben mir Dänemark, steuerbords Schweden, achteraus Deutschland. Und vor uns – vielleicht Norwegen? In dem Moment bin ich leicht überwältigt von einem Gefühl der Freiheit, würde am liebsten immer weiter segeln, bin so dankbar, dass unser kleines Schiff uns das alles ermöglicht!
Gegen 14 Uhr fahren wir durch die Øresundbrücke und machen kurz vor 16 Uhr in der Dockan Marina – die City-Marina von Malmö – fest. Ringsherum alles sehr modern und großstädtisch, aber zur Altstadt ist es nicht so weit. Wir laufen zum Stortorget, dem Marktplatz in der Altstadt, und gönnen uns ein Getränk. Spannende Stadt! Hier bleiben wir erstmal!
Am nächsten Tag haben wir volles Programm. Wir leihen Räder aus, gehen Einkaufen, gucken uns den „Turning Torso“ an (den schiefen Turm von Malmö), besuchen außerdem diverse Parks und Museen und gönnen uns überteuerten Kaffee bzw. heiße Schokolade und Kuchen in einem piekfeinen Café.

Abends sind wir überfüllt mit Eindrücken von der Großstadt und sind uns einig: Es reicht, wir können weiter!
Als wir am nächsten Tag aus der Marina herausfahren, ist das Wasser spiegelglatt. Keine Menschenseele weit und breit. Backbords in der Ferne rollt eine Nebelwand durch die Säulen der Øresundbrücke. Ich habe ein ungutes Gefühl, rufe den Wetterbericht auf meinem Handy auf, diesmal vom Deutschen Wetterdienst. Und da ist es. Wieder eine Gewitterwarnung, Böen 10, ab 17:00 Uhr. Unser ursprüngliches Tagesziel – Vedbaek – ist in der Zeit nicht mehr zu erreichen. Wir müssen umdisponieren. Nach Kopenhagen – wieder eine Großstadt – wollen wir nicht, stattdessen peilen wir den kleinen Hafen von Skovshoved an, ca. 12 km nördlich vom Zentrum Kopenhagens.
Und tatsächlich nimmt der Wind stetig zu, je später es wird. In Skovshoved legen wir bei einer 5 an, und schätzen uns glücklich, dass wir es rechtzeitig geschafft haben. Aber das große Gewitter bleibt wieder einmal aus, das wird langsam zur Gewohnheit. Für die nächsten Tage ist die Vorhersage nicht so günstig, aber wir müssen allmählich wieder Richtung Heimat. Mal schauen, wie es morgen wird.
Am nächsten Tag bin ich unsicher, ob wir überhaupt weiterfahren sollen. Die Vorhersage verspricht 5-6 Windstärken, aus dem Westen. Das bedeutet erfahrungsgemäß große Wellen auf der Faxe Bugt, südlich von Kopenhagen. Jenka schlage ich vor, einen ruhigen Tag in Kopenhagen zu verbringen. Sie ist aber wild entschlossen: Lass uns lieber vorankommen, auch wenn es ein bisschen anstrengend ist.
Gut, das ist eine deutliche Antwort. Wir machen uns klar und verlassen den Hafen. Da der Wind aus Westen kommt, ist das Gewässer vor Skovshoved und gleich anschließend vor Kopenhagen relativ ruhig. Der Wind ist zwar böig, aber nur eine 4, und wir fahren defensiv, nur mit unserer Genua, runtergerefft auf etwa die Hälfte. Alles gut soweit. Erst unten, an Dragør vorbei, wo wir nah an dem Hauptfahrwasser für die großen Schiffe rankommen, merken wir, was auf dem offenen Meer los ist. Abgesehen davon, dass wir ein paar fette Schiffe ausweichen müssen, sind die Bedingungen deutlich schlechter. Der Wind nimmt zu, bis wir eine konstante sechs mit Böen 7 haben. Und statt einen halben Meter Welle haben wir erst einen, dann anderthalb, dann zwei.
Ohne Sprayhood sind wir den brechenden Wellen ziemlich ausgeliefert.
Ich frage Jenka, ob wir umkehren sollen. Sie schüttelt den Kopf: Alles gut!
Für die 20 Seemeilen zwischen Dragør und dem Leuchtfeuer Stevns Fyr brauchen wir bei Geschwindigkeiten bis zu 9 Knoten nicht lange. Es ist ein wilder Ritt. Anstrengend, aber wahnsinnig schön im grellen Sonnenschein. Als wir anfangen, die Halbinsel Stevns Klint zu umrunden bin ich aber erleichtert: Wir haben es fast geschafft! Auf der anderen Seite ist es sicherlich geschützter, mit weniger Welle.
Falsch gedacht!
Die Wellen sind zwar etwas kleiner, da weniger Fetch, dafür aber enger, steiler, chaotischer. Der Windmesser zeigt bis zu 35 Knoten. Geradezu ein Lehrbuchbeispiel für den Kapeffekt! Das nützt mir jetzt aber wenig, denn jetzt heißt es, gegenan kreuzen. Momentan steht uns nur die gereffte Genau zur Verfügung. Aber damit gewinnen wir kaum an Höhe. Mit dem gerefften Groß zusätzlich wäre es vielleicht anders, aber wir schaukeln wie wild. Ich wage es nicht, aufs Vorschiff zu gehen. Dazu kommt die Strömung, die uns aufs offene Meer weiter hinaustreibt.
Wir müssen schnell handeln, um aus dieser unangenehme Situation herauszukommen.
Wir bergen das Vorsegel, schmeißen den Motor an, und… Es passiert nichts. Wir kommen nicht von der Stelle. Ich gebe Vollgas. Gegen den Wind (da wo wir hin wollen) schaffen wir gerade einen halben Knoten Fahrt über Grund. Für die vier Seemeilen bis nach Rødvig bräuchten wir 8 Stunden!
Es ist der schwierigste Moment der ganzen Reise.
Mir fällt nur eine Lösung ein: Den Windschatten der Kreidefelsen suchen. Wir luven etwas ab, nehmen Kurs auf Richtung Leuchtturm. Und es funktioniert. Wir schaffen zwar nur anderthalb Knoten, kommen aber langsam voran. Bis zum geschützten Bereich vor den Klippen dauert‘s fast eine Stunde. Danach können wir normal weiterfahren. Endlich kommen wir in Rødvig an. Für die letzten vier Seemeilen haben wir fast so lange gebraucht, wie für die ganze bisherige Überfahrt. Wir sind fix und fertig.
Später meint Jenka: Das war die schlimmste Überfahrt meines Lebens! (Und sie hat schon einiges erlebt!).

Von Rødvig fahren wir weiter nach Klintholm. Zum Glück hat die Wetterlage sich etwas beruhigt, bei der Überfahrt haben wir nur 4 bis 5 Windstärken. Und: Ich habe Geburtstag! Zur Feier des Tages gibt es Rhabarberkuchen, Geschenke, einen schönen Segeltag, und einen ruhigen Liegeplatz! Perfekt!
Aber die anstrengende Überfahrt sitzt uns doch in den Knochen. Nach unserer kleinen Feier ruhen wir uns aus, schaffen es gerade noch Nudeln zu kochen, und liegen um 21:30 schon im Bett!
Am nächsten Tag geht es entspannt weiter Richtung Heimat. Aber leider zu entspannt. Nach ca. 10 Seemeilen schläft der Wind komplett ein. Das hat natürlich auch was, so mitten auf der Ostsee und keine Welle weit und breit. Doch bleibt uns wenig Zeit, um die Aussicht zu genießen, denn wir müssen Strecke machen, wenn wir bei Tageslicht noch ankommen wollen. Also muss der Flautenschieber her. Als Ziel entscheiden wir uns für Glowe. Ein bisschen weiter als Vitte, aber es erspart uns einen ganzen Tag Fahrt Richtung Osten.
Trotz schönem Wetter zieht sich die Überfahrt hin. Und in der Kadettrinne ist wieder viel los. Aber am späteren Nachmittag bekommen wir doch etwas Segelwind und können die letzten 6 Seemeilen ab Kap Arkona schön segeln.
Nach einer elfstündigen Überfahrt von Klintholm sind wir sicher in Glowe auf Rügen angekommen. Müde aber glücklich! Für ein Getränk beim schönen Sonnenuntergang reichen unsere Kräfte noch, das war’s dann aber auch!
Tags darauf beschließen wir, Urlaub von unserem anstrengenden Urlaub zu nehmen. Wir schlafen aus, frühstücken gemütlich, waschen Wäsche und gehen einkaufen. Mittags brechen wir auf bei spiegelglattem Wasser und 1-2 Windstärken, und segeln an den Kreidefelsen vom Königsstuhl vorbei Richtung Sassnitz. Dort scheint der Hafen voll zu sein – alle Boxen auf rot. Wir stehen etwas verdutzt da, bis ein freundliches Seglerpaar uns an bietet, zu ihnen in einer breiten Box zu kommen. Später stellt sich heraus, alles war frei, nur: Keiner wollte die Schilder auf grün umstellen.
Den ganzen Tag über gab es so gut wie keinen Wind, aber am Abend zieht ein großes Gewitter auf, das alle Boote im Hafen ordentlich durchschaukelt!
Richtig erholt sind wir aber lange nicht. Wir beschließen, einen richtigen Hafentag zu machen. Der Hafen von Sassnitz ist zwar nicht so schön, dafür ist der große nahegelegene Wald – der Nationalpark Jasmund – umso spektakulärer. Es ist ein uralter Buchenwald, wo die Bäume bis an den Rand der Kreidefelsen wachsen. Ein wunderschöner Ort mit einer ganz besonderen Stimmung. Beim Wandern unter dem grünen Baldachin sind wir ganz glücklich und beseelt und tanken ordentlich Urlaubsfeeling.
Und dann eine ganz unheimliche Begegnung.
Wir laufen am Strand entlang südlich der Piratenschlucht. Es sind viele Leute unterwegs auf dem schmalen Standstreifen. Ich trage ein T-Shirt mit dem Aufschrift “Mexico” und einem Totenkopf mit Sombrero. Eine Frau, so Mitte fünfzig, spricht mich an: Kommst du aus Mexiko?
Ich so: Nein nein, hab mal dort gearbeitet, sonst aus Berlin bzw. England.
Sie: Wir sind aus El Salvador, wohnen seit den 80er in Deutschland.
Ich: Ach guck an, zu der Zeit habe ich für das Menschenrechtsbüro für El Salvador und Guatemala gearbeitet, in London. Wir haben mit Amnesty International Kampagnen für die Verschwundenen und Gefangenen im Bürgerkrieg gemacht.
Ihr Mann, der bislang nichts gesagt hat: Ich war so ein Gefangener. Du hast mein Leben gerettet.
Ich gucke ihn an. Die Gefängnisse in El Salvador waren zu der Zeit als Folterstätte berüchtigt. Der Mann hat sicherlich Fürchterliches erfahren.
Die Zeit scheint still zu stehen. Ich weiß auch nicht, was ich sagen soll.
„Na ja. Nicht ich persönlich. Wir waren viele, die daran gearbeitet haben“.
„Doch, du persönlich. Und all die anderen. Ohne euch wäre ich tot“.
Wir schweigen. Es ist ein Gänsehautmoment. Die Welt um uns herum verschwindet. Alle sind sichtlich gerührt.
Der kleine Hund der beiden fängt an zu bellen.
„Er mag keine Fremden“ sagt die Frau.
Damit ist der Bann gebrochen. Wir nehmen es als Anlass, weiterzugehen. Wir geben uns die Hand, wünschen uns alles Gute. Und ziehen davon, wie Schiffe im Nebel.
Zurück in Sassnitz müssen wir uns jetzt entscheiden, wie es weitergehen soll. Unser Vereinskamerad Jürgen fragt an, ob wir es bis nach Sellin schaffen? Eigentlich liebend gerne, aber verflixt, uns fehlt die Zeit. Wir müssen weiter.
Der Himmel ist verhangen bei 20 Knoten Wind als wir am nächsten Tag in Sassnitz ablegen.
Nach Karlshagen auf Usedom sind es 29 Seemeilen. Beim ersten Drittel im Prorer Wiek werden wir von dem Sassnitz-typischen nördlichen Schwell von schräg achtern ordentlich durchgeschaukelt, aber einmal an der Landspitze Nordperd vorbei geht es einigermaßen.
Und am späteren Nachmittag, etwa Höhe Peenemündung, zeigt sich sogar die Sonne.
Am nächsten Tag stehen wir um 06:30 auf, um die frühe Öffnung der Brücke in Wolgast zu kriegen. Doch irgendwie trödeln wir doch zu lange herum, und kriegen die Brückenöffnung nur knapp. Nichts geht über einen kleinen Adrenalinstoß am frühen Morgen!
Danach geht es aber entspannt weiter. Im Achterwasser angekommen, ankern wir erstmal vor der Südspitze der Halbinsel Gnitz, gehen schwimmen, frühstücken und gönnen uns noch ein Nickerchen beim strahlenden Sonnenschein.

Gegen Mittag kommen wir in Zinnowitz an. Wir leihen uns zwei Fahrräder aus und radeln Richtung Seebrücke. Das letzte Mal als wir hier waren, war das ganze Meer gefroren. Es lagen Eisschollen am Strand und das Eis erstreckte sich fast bis zur Greifswalder Oie. Aber heute ist natürlich nichts mehr davon zu sehen, und statt Eisschollen liegen massenhaft Touristen am Strand und genießen das schöne Wetter.
Tags darauf fahren wir los Richtung Zecheriner Brücke. Wir frühstücken entspannt unter Motor und setzen Höhe Netzelkow die Segel, um mit einem Schlag zwischen den beiden Untiefen Warther Haken und Hohe Schaar geradeaus nach Lassan rüberzufahren. Die Sonne scheint, es bläst eine 4 aus SE bei vielleicht 20 cm Welle, und wir schaffen es fast bis nach Rankwitz bevor wir die Fock einholen und uns ins Fahrwasser einfädeln müssen. Einmal um den Knick bei Tonne PN 80 rum, und wir können die Genua wieder rausholen, um weiterzusegeln. Das Revier zeigt sich von seiner schönsten Seite, und wir genießen einen tollen Segelvormittag!
Am Ostufer bei der Brücke Zecherin finden wir einen sehr schönen windgeschützten Ankerplatz (nach der Erfahrung gestern waren wir sogar eine Stunde zu früh da), und ab Tonne Peenestrom Süd bringt uns Jenka mit 5 Knoten – und nur mit der Genua – bis nach Ueckermünde!
In der Lagunenstadt legen wir wieder ganz vorne neben dem Hafenmeisterbüro an. Wieder mit freier Sicht auf den wunderschöner Sonnenuntergang! Am nächsten Morgen werden wir von seltsamen Geräuschen geweckt. Es ist ein Schwirren und Surren, das zu uns durchdringt, gekoppelt mit merkwürdig schnellen Klickgeräuschen, wie das schnelle Schwingen vieler kleiner Ratschen. Ich stecke den Kopf vorsichtig aus der Luke. Auf dem Boot neben uns sind hunderte von Mauerseglern! Dass es hier von den kleinen Vögeln nur so wimmelt, war mir schon klar. Aber dass sie sich bisweilen massenhaft auf irgendwelchen Booten ausruhen, das wusste ich nicht. Es gelingt mir, ein paar Fotos zu schießen, bevor sie sich meiner Gewahr werden. Und dann sind sie weg, plötzlich und unvermittelt. Was für ein unerwartetes Naturspektakel!

Von Ueckermünde fahren wir weiter Richtung Ziegenort. Zunächst in einer unheimlichen Kombination aus Windstille und Nebel bzw. Nieselregen. Zum Glück reicht die Sicht gerade noch, um die Stellnetze zu erkennen, die die Route in unregelmäßigen Abständen spicken. Höhe Repziner Haken zeigt sich aber die Sonne, und der Wind frischt langsam auf, zunächst auf eine zwei, dann auf eine brauchbare 3 bis 4. Aus einem verregneten Vormittag wird dann doch ein ganz schöner Segeltag.
Kurz nach Ankunft in Ziegenort erreicht uns aber die traurige Nachricht vom plötzlichen Tod von Jenkas Nichte Ute. Ein geplatztes Aneurysma. Mit 57 aus dem Leben gerissen zu werden, das erwartet kein Mensch. Wir sind geplättet, tun uns schwer, das Unbegreifliche zu verstehen.
Wissen auch nicht, ob wir den Törn abbrechen müssen, um zur Beerdigung zu fahren. Aber erstmal ist nichts geplant. Es heißt also erstmal: Weiterfahren.
Tags darauf fahren wir schweren Herzens von Ziegenort los und sehen bald eine Yacht, die bei Null Wind versucht zu segeln, und das auch noch quer zum Fahrwasser. Wir fahren näher ran, um zu sehen, was los ist. Es stellt sich schnell heraus, dass es die Kolibri ist, das Boot von unserer Freundin Anna, mit neuem Crewmitglied Julia. Sie haben just in dem Moment einen Motorschaden. Ihr hier? Na klar, an Ort und Stelle! Sie funktioniert also noch, unsere telepathische Verbindung!

Wir nehmen sie längsseits und fahren ca. 7 Stunden mit ihnen nach Stettin. Eigentlich ein komisches Bild, die kleine Ölle mit der großen Kolibri daneben. Wir sind gut abgefendert und haben neben Vorder- und Achterleine zwei Springs gelegt. Die Steuerung geht gut, wenn auch etwas schwerfällig. Aber alles im grünen Bereich.
Unterwegs haben wir zum Glück viel Zeit zum Quatschen. Auf dem Dammschen See angekommen, untersuchen wir kurz die Ansaugung für den Seewasserkreislauf, sprich, wir springen ins Wasser und genießen nebenbei die Abkühlung. Es ist aber nichts zu erkennen.
Im Hafen stellt sich heraus, dass es der Impeller war. Obwohl er neu war und scheinbar passen sollte, war er irgendwie überdimensioniert für die Seewasserpumpe, und hat sich dann durch die übermäßige Reibung innerhalb von 4 Wochen quasi selbst zerlegt.
Und abends werden wir – als Belohnung für die gelungene Abschleppaktion – zum Essen eingeladen.
Aber was für ein lustiger Zufall das Ganze!
Am nächsten Tag liegt schon um 10:30 unser Mast und der Motor von der Kolibri funktioniert auch wieder, allerdings mit einem Ersatzimpeller der gleichen Marke. Es bleibt also spannend, ob es damit nochmal Ärger gibt. Da sie noch mit Mastlegen beschäftigt sind, beschließen wir, schonmal loszufahren, bleiben aber mit der Kolibri in Kontakt.
Am ersten Tag der Kanalfahrt schaffen wir es bis nach Schwedt, und am zweiten bis nach Marienwerder. Müssen auch feststellen, dass es immer wieder schön ist, mit dem alten Schiffshebewerk zu fahren! Und beim Rausfahren begegnen wir – kurz, und im Vorbeifahren – unseren Vereinskameraden Karsten, der sich nach wochenlangen Problemen mit dem Motor jetzt endlich Richtung Ostsee aufgebrochen ist.
Und in Marienwerder treffen wir unsere Freundin Anna wieder, die trotz erneuten Motorproblemen es bis hierher geschafft hat. Wir beschließen, sie diesmal vorfahren zu lassen, damit wir sie auf dem Heimweg im Auge behalten können.
Also legt sie am nächsten Tag um 0800 ab und fährt vor uns aus dem Hafen Marienwerder raus. Ein paar Minuten später treffen wir uns auf dem Kanal wieder. Aus dem Auspuff tritt kein Kühlwasser aus, sie müssen wieder abgeschleppt werden. Da haben wir langsam Übung drin! Wir bringen sie zum Hafen zurück, damit sie in Ruhe den Motor erneut reparieren kann. Wir fahren aber weiter Richtung Berlin. Später erfahren wir, dass sie den Schaden behoben hat, und gut nach Hause gekommen ist. Wir selber kommen so gegen 1500 in Berlin Tegel an.
Es war ein toller Törn, ca. 700 Seemeilen, mit vielen neuen Eindrücken und spannenden Begegnungen. Aber jetzt freuen wir uns, wieder daheim bei der Tourenseglervereinigung zu sein!